standort: mexico city

eine reise nach san josé

Einiges aus Nicaragua

Nachdem wir Utila verlassen und die Hauptstädte Tegucigalpa sowie Managua überlebt haben, kamen wir in León, bei der Familie Mendez, engen Freunden der Singers an. Donnys, Flor und Judith begrüßten uns gleich herzlich und boten uns ein familiäres Umfeld in deutscher Sprache – das war vielleicht mal was.

Donnys legte sich gleich ins Zeug, um uns während unseres Aufenthaltes einiges zu bieten. Nachdem wir ihm nämlich erzählt haben, dass wir gerne die Destillerie von Flor de Caña in einer nicht weit entfernten Nachbarstadt besuchen würden, ahnten wir nicht, dass dies dem 0815-Bürger gar nicht möglich ist. Unser Reiseführer schwieg über dieses Problem und Donnys machte tatsächlich mit Stunden von Telefoniererei das Unmögliche wahr – er besorgte uns eine Sondergenehmigung, nur über Vitamin B. Da waren wir natürlich happy. Am ersten Tag wurden wir zudem gleich zum Fischessen ausgeführt und an den Strand gebracht, um uns ein wenig abzukühlen. Es ist anzunehmen, dass León der heißeste Ort war, an dem wir uns in Mittelamerika bisher aufgehalten haben, angenehm jedoch war die geringe Luftfeuchtigkeit, die das Schwitzen effektiv sein ließ – und die Transpiration damit minimierte.

Nach einem gewissen Terminhickhack mit unserer Sondergenehmigung bei der Destillerie und einer bei einem Reisebüro gebuchten Vulkantour schafften wir es auch, uns zu organisieren und besuchten den Cierro Negro, um die uns völlig neue Extremsportart Volcano Boarding anzuschauen. Der Cierro Negro ist ein junger, neu entstandener Vulkan, der eines schönen Morgens einen armen Bauern durch seine schiere, plötzliche Präsenz mitten auf seinem Maisfeld zu Tode erschreckt haben muss. Der Vulkan ist noch so jung, dass die Vegetation sich noch nicht ausbreiten konnte und der “Hügel”, so nennt man ihn noch, in völligem Schwarz erscheint. Er bricht alle sieben Jahre aus und war schon drei Jahre überfällig, was uns alle sehr ängstigte. Wir begannen den relativ kurzen Aufstieg mit unseren Holzbrettern, auf denen wir später den Geröllhang herunterrutschen sollten, und mussten dabei schwer mit dem orkanartigen Wind kämpfen, der landabwärts über den völlig ungeschützten Vulkanhang toste. Nachdem wir den Aufstieg mitsamt untrainierten Amerikanern mit Raucherlungen überlebt hatten (das war vielleicht ein Fiasko…), begaben wir uns oben erst einmal auf Rundschau und erforschten den schlafenden Krater. Die Erde hier war brennend heiß (wenngleich sie auch nicht durch die Schuhsohlen strahlte) und auch die Schwefelwolken ausstoßenden Löcher lieferten eine beeindruckende Vorstellung der vorhandenen vulkanischen Aktivität. Die Aussicht war auch wahrlich atemberaubend, auf der einen Seite den Pazifik, auf der anderen Seite drei Vulkane, davon zwei rauchend und aktiv. Zum Glück hatten wir den Wind, der uns wieder Luft in die Lungen pumpte. Nachdem all diese Naturspektakel genossen waren, ging es zum weniger aufregenden Teil des Ausflugs. Das Vulcano Boarding. Was ein großer Name ist, ist in Wahrheit nicht viel mehr als ein einfaches, sitzendes Herunterrutschen auf dem Geröllhang des Vulkans mithilfe eines Holzbrettes und eines total lächerlichen (aber notwendigen) orangenen Overalls. Im Übrigen vermute ich zwischen der Farbe der Anzüge sowie des Vorhandenseins von vier Holländern in der Gruppe (die Führerin war auch eine Oranje) einen Zusammenhang. Der Abstieg fiel manchen leichter, manchen weniger, auf jeden Fall hatten die Bretter einen fürchterlichen Rechtsdrall, was dazu führte, dass man den ganzen Abstieg die Bremsen anziehen musste und damit nicht wirklich auf ein aufregendes Tempo kam. Die mittlerweile eingetroffene Elisa Mendez begleitete uns mitsamt ihres Freundes Luis auf diesem Trip.

Am nächsten Tag waren wir dann bereit für Flor de Caña, den vielleicht besten Rum der Welt. Als wir dann nach einer freundlichen Begrüßung im Besprechungszimmer der Fabrik saßen und uns in rasend schnellem, vernuschelten Spanisch die Produktionsabläufe erklärt wurden, fühlten wir uns schon ein wenig doof. Denn weder Hannah noch ich verstanden ein einziges Wort. Donnys hatte mit seiner Muttersprache natürlich weniger Probleme und parlierte fröhlich mit dem für uns abgestellten Chemiker. Soviel habe ich aber mitbekommen: Flor de Caña hat eine echt beeindruckende Ökologieeffizienz. So ziemlich jedes Neben- und Abfallprodukt vom Schritt der Zuckerherstellung aus Zuckerrohr bis zur Ettiketierung der Flaschen wird irgendwie sinnvoll weiterverwendet. Bei der Gärung der Molasse anfallendes CO2 wird somit klimafreundlich in Trockeneis verwandelt und an berühmte, amerikanische Erfrischungsgetränkehersteller geliefert. Somit vermeidet man, dass das gleiche Produkt zweimal hergestellt werden muss. Es wäre interessant zu erfahren, ob man diesen Schritt in Deutschland auch schon gedacht hat…

Die Anlagenführung enthielt dann doch nicht so viel neues bis auf eine Lagerhalle mit echten Eichenholzfässern – das hätte man beim sonst so modernen Daherkommen der Produktionsanlage gar nicht gedacht, aber – wie denn sonst? Zu meiner Enttäuschung gab es in der Fabrik keinen spottbilligen Shop mit sämtlichen Rumeditionen von Flor de Canja… also mussten wir alles im Supermarkt kaufen.

Am anschließenden Tag nahm uns Donnys noch mit auf die Finka (so eine Art Bauernhof) seiner Schwiegermutter, auf der es einige Pferde gab. Hannah war natürlich Feuer und Flamme und saß wie Elisa und Donnys sofort fest im Sattel. Mir vertraute man mit einem gewissen Grinsen den alten Wallach an, der “eigentlich nur den anderen hinterherläuft”. Da kann man nicht so viel falsch machen. Na toll, dachte ich und die anderen würden tatsächlich falsch liegen. Der alte Gaul war nämlich in der Tat sehr gemächlich und bemerkte bald, dass er es mit keinem geübten Widersacher zu tun hatte. Also trottete er gemütlich hinterher und ließ den Abstand zu den anderen gründlich anwachsen. Mein mitgenommener Stock brachte nichts, ich konnte dem doofen Vieh den Stock noch so fest auf den Hintern schmettern, mehr Geschwindigkeit war nicht drin. Also tauschte ich mit Hannah das Pferd. Diese hatte mit meinem alten Gaul seltsamerweise keinerlei Probleme, mein neues Pferd jedoch, diesmal eine Stute, war auch nicht auf den Kopf gefallen und registrierte meine Reitunsicherheiten gezielt. Das Pferd hatte also fortan einen konsequenten Linksdrall – da man hier nicht wie bei einem Auto die Achse dafür verantwortlich machen kann und diese neu einstellen, war ich einigermaßen ratlos, was zu tun war. Also trickste ich das Pferd aus und machte alle 20 Meter wieder eine 270 Grad-Drehung nach links und lag damit wieder auf meinem alten Kurs. Aber so ganz viel Spaß hat das auch nicht gemacht. Dieses Pferd galoppierte zwar, aber bei größeren Geschwindigkeiten machte sich der Linksdrall nur umso mehr bemerkbar… also packte ich mir Minuten später den alten Gaul und zog diesen zu Fuß zurück zum Hof, während ich die anderen weiter ausreiten ließ. Unterwegs musste ich mir noch den Spot von blutjungen, nicaraguanischen Cowboys anhören, die elegant auf ihren Pferden an mir vorbeidreschten. Ich musste mir also eingestehen, dass ich sie auf ihrem Gebiet nicht schlagen konnte…

Einen Tag später machten wir uns dann erst am Mittag auf den Weg nach Granada und verabschiedeten uns von Donnys, Flor, Elisa und Judith, bei denen wir eine richtig schöne Zeit hatten.

Granada ist in der Tat so ziemlich die schönste Stadt, die wir bisher auf unserer ganzen Reise gesehen haben. Die alten, prachtvollen kolonialen Gebäude sind noch richtig gut in Schuss und in großer Zahl vorhanden. Die Stadt ist nur gegen das, was wir sonst gewohnt waren, wieder sehr teuer. Heute unternahmen wir noch einen kurzen Ausflug nach Masaya, eine Stadt die für ihr vielfältiges Kunsthandwerk berühmt ist, deckten uns dort mit dem nötigsten ein und kehrten wieder zurück, um am Abend noch Granada im ausgehenden Tageslicht anzuschauen. Viel mehr als dies ist bis jetzt nicht passiert und es wird spät. Damit freue ich mich, unseren Weblog seit was weiß ich wie vielen Monaten endlich mal wieder auf den neuesten Stand bringen zu können – alles andere bisher war doch immer nur Nachtragewerk. Ich kann auch mit einigen guten Mitteilungen aufwarten, aber weils Mitteilungen sind, werde ich diese auch in einem Extrapost obendrüber bringen.

Ich hoffe, dass noch die gesamte Leserschaft diesen Eintrag mitbekommen hat und wir nicht zuviele auf dem Weg verloren haben. Es könnte der letzte sein. Zumindest aus Mittelamerika. Aber wir werden sehen, schaut weiterhin regelmäßig rein, dann könnt irh nichts verpassen!

Mit lieben Grüßen aus Granada,

euer Sebastian

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